Bericht zum dritten Netzwerktreffen in Frankfurt am Main
Am 28. und 29. September 2026 kam das DFG-Netzwerk „Flows. Schmiermittel der Theoriebildung“ an der Goethe-Universität Frankfurt am Main zu seinem dritten Arbeitstreffen zusammen. Der Schwerpunkt des Treffens, das Alisa Kronberger und Julia Schade organisierten, lag auf der methodischen und epistemischen Praxis der Mitglieder. Unter dem Leitgedanken „Denken mit dem Gegenstand“ haben wir diskutiert, wo zwischen konkreten Untersuchungsgegenständen und theoretischen Beschreibungsangeboten Reibungsflächen entstehen und wie sich diese produktiv machen lassen.

Zur Vorbereitung hatten alle Mitglieder einen Gegenstand ausgewählt, wozu sie einen Steckbrief anlegten, den vier Leitfragen strukturierten: Was ist am jeweiligen Gegenstand epistemisch interessant? Wie wird der konkrete Gegenstand zum epistemischen Objekt? Wo zeigen sich Widerständigkeiten, also wo wehrt sich der Gegenstand gegen die theoretische Erfassung und was fängt der theoretische Rahmen möglicherweise nicht ein? Die Bandbreite der Beiträge reichte von der kulturgeschichtlichen Rahmung von Bibern und der rechtspopulistischen Aufladung der Blaukrabbe im Mittelmeer, über künstlerische Praxen zur Vergemeinschaftung der Wasserinfrastruktur in Südamerika, Aufladungen des portugiesischen Ozeanischen in künstlerischen Arbeiten, bis hin zu regulierenden Flowcharts in der Logistik, selbstverständlichen Metaphern der Tiefe im KI-Diskurs und YouTube-Clips zu Testosteronschwankungen und Gender. Nach kurzen Inputs der Mitglieder und viel Raum für die materialnahe Diskussion in der Gruppe wurde deutlich, wie unterschiedlich die Gegenstände auf die Flow-Semantiken reagieren, die das Netzwerk untersucht. Manche lassen sich bruchlos in Imaginäre des Strömens und Zirkulierens einfügen. Andere legen deren blinde Flecken offen, etwa Stockungen, Ablagerungen oder Tiefenschichtungen.
Ein Höhepunkt des Treffens war am Montagnachmittag der gemeinsame Besuch der Ausstellung „Sargassum – Fluch und Segen“ im Senckenberg Naturmuseum Frankfurt. Durch die Ausstellung führte uns Laura Otto, Kulturwissenschaftlerin und Juniorprofessorin für Anthropologie des Ländlichen an der Universität Würzburg. Sie gehört dem Kuratorium der Ausstellung an. Otto leitet die Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe „AquaNaturenKulturen“, die stehende Gewässer als Orte landwirtschaftlicher Produktion und mehr-als-menschlicher Beziehungen untersucht, etwa die Karpfenzucht in Franken, die Seefischerei am Chiemsee und Algenzuchtfarmen. Außerdem erforscht sie seit 2021 in einem DFG-geförderten Projekt das Sargassum-Regime an karibischen Küsten in Mexiko und Barbados. Dort fragt sie, wie anthropogener Umweltwandel, Tourismus und Verantwortung verhandelt werden.


Zur Vorbereitung hatten wir einen Artikel von Laura Otto zu Sargassum und „ecologies of repair“ gelesen. Uns interessierte vor allem, wie ein anthropologischer Blick auf Gewässer und ihre materiellen und infrastrukturellen Bedingtheiten aussieht. Das Sargassum erwies sich dabei als besonders aufschlussreicher Gegenstand für unser Netzwerk. Algenteppiche, die nur in Bewegung lebendig bleiben, die sich anstauen, anhäufen, verkeilen und stranden, widersetzen sich Vorstellungen reibungslosen Fließens. Stattdessen rücken sie Stockungen, Schleimig-Stinkendes und die klimapolitische Suche nach Verantwortung in den Vordergrund. Der Besuch und die anschließende Diskussion mit Laura Otto ermöglichte es uns, die theoretischen Überlegungen an einem konkreten, kuratorisch aufbereiteten Fallbeispiel zu erden. Die Auseinandersetzung mit der Sargassum-Alge schlug damit eine Brücke zu den Fragen nach den Widerständigkeiten des Gegenstands, die die Inputs aufgeworfen hatten.
Besonders gefreut haben wir uns, dass mit Marie Aline Klinger und Tom Ullrich zwei neue assoziierte Mitglieder am Treffen teilgenommen haben. Mit ihren Perspektiven haben sie die Diskussionen und das Netzwerk sehr bereichert. Wir freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit.

Das Frankfurter Treffen hat gezeigt, wie produktiv es ist, die Metaphern und Konzepte der Theoriebildung konsequent vom Gegenstand her zu befragen. Die Verbindung aus kurzen Inputs, intensiver Diskussion und der Begegnung mit einem konkreten Material- und Ausstellungskontext hat neue Impulse gesetzt, die wir für die weitere Arbeit und die Publikation aufgreifen wollen.
