„Die Sprengkraft meiner Metapher” oder „Writing the implosion”?

Bericht vom zweiten Flow-Workshop in Berlin – 18.-20.02.2026

Wie können multisensorische Zugänge, experimentelle Perspektivwechsel und interdisziplinäre Begegnungen so verschränkt werden, dass sie die produktiven Reibungen zwischen Metapher und Materialität von Flow analytisch greifbar machen? Das zweite Treffen des DFG-Netzwerks „Flows. Schmiermittel der Theoriebildung“ formuliert eine erste, tentative Antwort auf diese Fragestellung.

Vom 18.–20.02.2026 fand im Zentrallabor des Exzellenzclusters „Matters of Activity. Image Space Material“ (Humboldt-Universität zu Berlin) der zweite kollaborativ ausgerichtete Workshop des Netzwerks statt. Im Zentrum stand die gezielte Vertiefung des gemeinsamen Austauschs, insbesondere mit Blick auf thematische Verschränkungen von Metaphern der Fluidität, Strömung und Blockade. Ziel war es, die seit Beginn des Netzwerks entwickelten Teilprojekte und ihre Fragestellungen weiter zu präzisieren, konzeptuelle Reibungen zwischen Metaphern und Materialitäten systematisch herauszuarbeiten und neue inhaltliche Anknüpfungspunkte zu erschließen.

Den Auftakt bildete die Performance „Your Body is a Water Vessel“ (2023) der antidisziplinär arbeitenden Künstlerin und Forscherin Monika Dorniak. Ihre Praxis macht die porösen Grenzen zwischen Körpern, Materialien und Umgebungen mittels Soundscores, (textilen) Skulpturen und multimedialen Interventionen erfahrbar und verhandelt in kollaborativen Settings Fragen vererbter und verkörperter Erfahrung. Als Listening Session mit anschließender Diskussion eröffnete uns die Performance einen verkörperten Zugang zu Fragen von Flüssigkeit, Flüchtigkeit, Resonanz und relationaler Wahrnehmung. Zugleich fungierte sie als Ausgangspunkt für eine gemeinsame begriffliche Arbeit, in der Themen wie intergenerationale und mehr-als-menschliche Erinnerung, Zugehörigkeit sowie die komplexen Verflechtungen von Körpern und

Umwelten adressiert wurden. Die Performance diente somit als analytischer Einstieg in die gemeinsame Untersuchung von Fluidität als materielle, metaphorische und epistemische Kategorie. Der erste Workshoptag klang bei einem gemeinsamen Abendessen aus, bei dem das Zubereiten und Teilen von teilweise selbst fermentierten Speisen den Austausch in einem informellen Rahmen weiterführte.

Der zweite und dritte Tag des Netzwerktreffens standen im Zeichen eines intensiven Projektaustauschs sowie der gemeinsamen Weiterentwicklung zentraler Fragestellungen. Dabei erprobten wir zwei unterschiedliche methodische Ansätze, um die Projekte der Mitglieder aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und miteinander in Beziehung zu setzen. Diese waren auch konzeptuell an Metaphern des Flow und Leaks angelehnt:

Speeddating mit Informationsleak (lauschende Person)

In kurzen, belauschten Zweiergesprächen haben wir die Sprengkraft, das heißt die Anschlussfähigkeit und Reichweite zentraler Metaphern, Begriffe und Konzepte der jeweiligen Projekte beleuchtet. Eine dritte, zuhörende Person dokumentierte und verdichtete die Gespräche auf einem Poster, das als Grundlage für eine anschließende Projektpräsentation aus der Perspektive der lauschenden Person diente. Dieser Perspektivwechsel ermöglichte es, die Projekte kollaborativ zu reflektieren, implizite Annahmen offenzulegen, produktive Differenzen zu skizzieren und neue Verbindungen sichtbar zu machen.

„Writing the Implosion“

Aufbauend auf der Methode von Joseph Dumit (2014) wurde ein analytisch-praktisches Format erprobt, das die systematische Durcharbeitung von Forschungsgegenständen in ihrer Relationalität in den Mittelpunkt stellt. „Writing the Implosion“ begreift diese als dichte Knoten materiell-semiotischer, infrastruktureller und machtgesättigter Gefüge. Im Workshop wurde dieser Zugriff als kartografische Schreibpraxis operationalisiert: Ausgehend von einem konkreten projektspezifischen Objekt arbeiteten die Mitglieder transversal, um genealogische, ökonomische, institutionelle und epistemische Verflechtungen herauszuarbeiten, und darin sedimentierte Wissensordnungen offenzulegen. Ziel war die Erarbeitung einer gemeinsamen Flow-Map als konzeptuelle Grundlage für geplante Publikationsformate (Sammelband, Glossar).


Ein Highlight des Workshops war die Exkursion zum Umlauftank 2 der Technischen Universität Berlin, die gezielt als Erweiterung der theoretischen Diskussionen um eine natur- und experimentalwissenschaftliche Perspektive angelegt war. Der Besuch ermöglichte Einblicke in ingenieurwissenschaftliche Praktiken der Untersuchung von Strömungsdynamiken und situierte die zuvor diskutierten Begriffe zwischen Fließen und Stillstand in dieser experimentellen Forschungsinfrastruktur unter veränderten epistemischen Bedingungen.

Dipl. Ing. Laura Grüter, Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dipl. Ing. Karsten Rieck, Technischer Mitarbeiter des Forschungsbereichs „Dynamik Maritimer Systeme“ der TU Berlin führten über das Gelände und gaben Einblicke in die Geschichte und Funktionsweise der denkmalgeschützten Versuchseinrichtungen. So konnten wir im Austausch produktive Anknüpfungspunkte von strömungsphysikalischen Phänomenen zu kultur- und medienwissenschaftlichen Theorieangeboten herstellen. Strömung ließ sich einerseits als physikalischer Prozess beschreiben, andererseits als epistemische Figur verstehen. Diffraktion diente hierbei als verbindendes Denkmodell: Während sie in der Physik die Beugung beziehungsweise Überlagerung von Wellen beschreibt, wird sie in den Kultur- und Medienwissenschaften (im Anschluss an Donna J. Haraway und Karen River Barad) als Methode genutzt, um Differenzen in ihren Verschränkungen zu lesen und relationale Hervorbringungsbedingungen sichtbar zu machen. Dies ermöglichte einen interdisziplinären Austausch, in dem Strömungsphänomene sowohl als Messobjekte als auch als Metaphern von Wissensproduktion reflektiert werden konnten. Die Exkursion bot somit nicht nur einen Einblick in ingenieurwissenschaftliches Wissen und seine Praktiken, sondern fungierte zugleich als Resonanzraum für interdisziplinäre Begriffsarbeit und theoretische Verknüpfungen.

Literatur

Barad, Karen River. Meeting the Universe Halfway: Quantum Physics and the Entanglement of Matter and Meaning. Durham, NC: Duke University Press, 2007.
Dumit, Joseph. “Writing the Implosion: Teaching the World One Thing at a Time.” Cultural Anthropology 29, no. 2 (2014): 344–362. https://doi.org/10.14506/ca29.2.09.
Haraway, Donna J. Modest_Witness@Second_Millennium.FemaleMan©_Meets_OncoMouse™: Feminism and Technoscience. New York: Routledge, 1997.